Imagine how much better the world would be if more people rode bicycles

Maurice Brocco 400

Der 26. Juni ist der Todestag von Maurice „Coco“ Brocco, gelernter Metzger, französischer Bahn- und Straßenrennfahrer und der erste „Domestik“ der Tour de France. Ihm zu Ehren und im Geiste der damaligen Rennen – keine gesperrten Strecken und lange Distanzen – startete dieses Jahr zum dritten mal ein FahrerInnenfeld in ein 24 Stunden-Rennen, mit mehreren Checkpoints (und der besten veganen Verpflegung) von und nach Leipzig. Johanna Jahnke konnte (etwas überraschend) die Frauenwertung für sich entscheiden und wir freuen uns, mit ihrem Rennbericht einen kleinen, persönlichen Einblick in das Rennen geben zu können.

 


Foto: Lamri Adjis

Mein erstes Ultracycling-Rennen!

Maurice Brocco: 446,84 km I 4,368 Höhenmeter I Start Samstag 12:00, Ziel Sonntag 10:32

5-15°C Grad und durchgehend Regen. Die Wettervorhersage für unser erstes Ultracycling-Rennen sah nicht besonders einladend aus. Nun gut, wir sahen das Ganze trotzdem positiv, denn Marion und ich hatten uns nicht wegen des Rennens angemeldet, sondern um es als Training für das „Transcontinental Race“ zu nutzen und Teile unserer Ausrüstung zu testen. Also, warum nicht gleich mit einer anspruchsvollen, nassen und kalten ersten 400 km Erfahrung in die Langdistanzwelt einsteigen? Gesagt getan. Bei genauerer Betrachtung waren die Bedingungen also nahezu perfekt, zumal uns unser Freund Phil aus Leipzig noch ein schönes Frühstück und gute Musik versprochen hatte.

Der Start des Rennens von einem Hof in der Nähe von Leipzig, verlief super. Wir schafften es unser eigenes Tempo zu fahren und nicht mit den anderen zu Ballern. Klingt einfach, aber sowohl Marion als auch ich sind relativ ehrgeizig und mussten erst unsere inneren Renndämonen besänftigen, bevor wir es schafften langsamer zu werden und die anderen fahren zu lassen. Mit etwas Rückenwind, signifikant weniger Regen als erwartet (toll, wie glücklich einen ein paar Regenschauer machen können, wenn man ursprünglich Dauerregen erwartet hatte) und bei bester Laune erreichten wir nach ca 90km den ersten Checkpoint in Chemnitz. Dort angekommen traute ich meinen Augen kaum, es gab vegane Snacks und sogar glutenfreies Essen. Von Checkpoint #1 bis ins Ziel – um hier mal vorzugreifen – gab es tatsächlich die beste vegane Verpflegung, die ich jemals bei einem Event gesehen habe. Köstliche Kuchen, leckere warme Suppen, Kaffee mit pflanzlicher Milch – ich war optimalst versorgt! Danke dafür an den Veranstalter und an alle Helfer*innen an den Checkpoints.

Top motiviert fuhren wir zu zweit weiter, bis an einem Anstieg bei Kilometer 120, Marions Schaltauge abriss. Wir hatten gerade zu ein paar Freund*innen aufgeschlossen und es wurde eine schnelle Entscheidung getroffen: da es keine Chance gab den Umwerfer zu reparieren, rief Marion die Notrufzentrale des Maurice Brocco an, um sich einsammeln zu lassen und ich fuhr weiter. Ich hatte tatsächlich kurz darüber nachgedacht ebenfalls aufzuhören, aber der Gedanke, mit einem perfekt funktionierenden Fahrrad von einem Bus eingesammelt zu werden, erschien mir irgendwie falsch. Also fuhr ich weiter. Ich war in einer netten Gruppe unterwegs, fühlte mich wohl und war fit, nur meine Stimmung war dann interessanterweise nicht mehr ganz so positiv. Kleine Dinge fingen an mich zu stören, ich fand es schwer einen neuen Rhythmus zu finden und hatte irgendwie nicht mehr so viel Spaß beim Fahren. Ich bemerkte das, überlegte woran es liegen könnte und realisierte: Natürlich, Marion fehlte! Es war nicht nur meine Teamfahrerin und Freundin, die jetzt weg war, sondern auch der Grund für dieses Rennen war plötzlich nicht mehr da. Die Transcontinental-Testfahrt mit Marion war gescheitert. Warum sollte ich also überhaupt weiterfahren? Warum hatte ich nicht einfach zusammen mit ihr aufgehört? Statt mich hier draußen in Kälte und Regen den Berg hochzukurbeln, hätte ich jetzt auch im trockenen Bus sitzen können.

 


Foto: Nicole Donner

 

Mir wurde klar, dass ich, wenn ich weiterfahren wollte, diese negativen Gedanken loswerden musste und der einzige Ausweg war ein neues Ziel. Ok, Marion ist weg, aber ich bin immer noch hier, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln, die für uns beide hilfreich sein könnten. Die Nachtfahrt, die wir proben wollten, die 400km am Stück die keine von uns bisher gefahren war. Irgendwie funktionierte es. Ich schaffte es mich umzupolen. Das war der Wendepunkt und mir gelang es, wie zu Beginn des Rennens, die Schönheit der Fahrt zu genießen, die mystischen Wolken und die malerischen dunklen Baumreihen zu bestaunen, die 16% Anstiege als willkommene Herausforderung zu sehen und vorallem, mich über meine Mitfahrer*innen Carola, Yve und Juliane zu freuen. Mit ihnen fühlte ich mich sicher und wieder gut gelaunt ging es weiter zum zweiten Checkpoint, die Talsperre Flajé in Tschechien.

Checkpoint #2 war draußen, also machten wir nur eine kurze Pause, wärmten uns ein paar Minuten im Bus auf und fuhren weiter zum Dritten, Barakka, dem Checkpoint mit dem Kamin – dem nicht viele Rennfahrer*innen widerstehen konnten. Es war einfach zu gemütlich und es gab wieder viel zu gutes Essen. Ich nahm leckere Pommes und Süßkartoffelsuppe. Wir waren 240 Kilometer gefahren und hatten den Großteil der Höhenmeter geschafft. Allerdings war es jetzt stockdunkel und regnete stark. Meine Gruppe entschied eine längere Pause zu machen, aber da ich noch fit war, mein Kit mich warm gehalten hatte und ich keinen Grund sah mich auszuruhen, beschloss ich weiterzufahren. Zum Glück fand ich 4 sehr nette Menschen, die auch weiter wollten und mit denen ich durch die Nacht fahren konnte. Der Regen war nun wirklich heftig, es war dunkel und mir wurde klar, dass dies der schwierigste Teil sein würde. Ich war froh, nicht alleine unterwegs zu sein. Ich freute mich auf den nächsten Checkpoint, da ich schon immer wissen wollte, wie es bei Lightwolf in Dresden aussah und – komplett entgegen meiner Erwartungen – führte ich plötzlich das Rennen an. Es war keine Frau vor mir und ich fuhr plötzlich um den Sieg. C O M P E T I T I O N. Verdammt. Und ich konnte nichts dagegen tun. Ich war „in the mode“.

Die Nachtfahrt verging wie im Flug, ich hatte gutes Licht und immer noch jede Menge Power. Bei Lightwolf war es sehr nett, es gab großartigen Kaffee und wieder leckeren Kuchen, aber so richtig kuschelig warm war es (trotz Heißluftfön) leider nicht und ich merkte, dass ich mich bewegen musste. Von 7 Fahrern am Checkpoint entschieden sich 4, mit mir weiter zu fahren. Wir hatten noch 130 km bis zum Ziel und ich hatte das Gefühl, dass ich das leicht schaffen könnte. Ich hatte so viel Energie übrig, dass ich mich nicht an meine Reisegeschwindigkeit hielt, sondern das Tempo anzog. Gut für mich, aber nicht so gut für meine Gruppe. Als wir zum letzten Checkpoint kamen, waren meine Mitfahrer mehr zerstört als nötig. Mir wurde zu spät klar, dass ich sie in eine Situation gebracht hatte, in der ich meinen Wunsch, das Rennen zu finishen und evtl. sogar zu gewinnen, über ihr Wohlergehen gestellt hatte. Besser spät als nie, ließ ich (sie) los und fuhr die letzte Etappe alleine ins Ziel. Es lief sehr gut und war eine wertvolle Erfahrung. Nach 20 Stunden auf dem Rad schien endlich die Sonne und dank des TT-Aufsatzes machte mir auch der Gegenwind nichts aus. Weitere 2 Stunden und insgesamt 430 km später kam ich im Ziel an, stolz, glücklich und tatsächlich die schnellste Frau. Was für ein perfekter Abschluss meines allerersten Ultra-Rennens.

Wie habe ich mich vorbereitet und was waren meine „Keymoves“?

Mein Bikefit, der richtige Sattel, Taschen mit schnellem Zugriff, ein extra Set trockener Kleidung (hab es nicht benutzt, aber wusste, dass ich es hätte können), ein perfektes Kit, das mich warm hielt, durchweg Spaß haben bzw. eine Krise erkennen und überwinden, Tubeless Reifen, Essen und Trinken die ganze Zeit über (Foodpouch hilft), nicht zu lange ausruhen, coole Leute zum Fahren, sehr gutes Licht für die Nacht, mehr Popocreme während des Rennens, mutig sein! 450 Km sind mehr als das Doppelte von dem was ich je vorher gefahren war. Aber ob man das schafft, weiß man ja erst wenn man es probiert. Also bis nächstes Jahr – dann bei hoffentlich etwas schönerem Wetter!

 

Foto: Nicole Donner
Foto: Nicole Donner

Johanna Jahnke

fährt erfolgreich fixedgear Rennen, ernährt sich seit 18 Jahren vegan, ist ehemalige Rugby Nationalspielerin und Mutter von 2 Kindern. Sie macht sich für Gleichberechtigung stark und hat das Herz am rechten Fleck. Gemeinsam mit Marion Dziwnik startet sie in rund 4 Wochen beim „Transcontinental Race“ in Belgien. Sie haben damit die Chance als erstes Frauenteam eines der härtesten ultra-endurance Rennen in Europa zu beenden, wenn sie es schaffen die rund 3800 km und 35000 Höhenmeter hinter sich zu lassen und 14 Tage später das Ziel in Griechenland erreichen. Wir werden hier und beim TCR hoffentlich noch viel von ihr hören!

Ihre Vorbereitung auf’s TCR könnt ihr auf Instagram @johanna_jahnke oder auf Strava
strava.com/athletes/2797310 verfolgen

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Das MB400 Video vom letzten Jahr ist vermutlich das 100%ige Gegenteil von Johanna’s Rennbericht, aber gerade deshalb nicht weniger sehenswert. #mauricebrocco400

http://mauricebrocco400.net

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One Response:

  1. Light-Wolf Says:

    Starkes Rennen Johanna!
    Vielleicht bauen wir beim nächsten Mal auch einen Kamin auf ;)
    Viele Grüße vom Light-Wolf Team.

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