TCR No. 6
/w Johanna & Marion

Von Geraardsbergen nach Meteora.

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Das Transcontinental Race ist eines der bekannteren und härtesten Ultra-Cycling Rennen der Welt. Es führt mit Distanzen zwischen 3000-4000 Kilometern kreuz und quer durch Europa. Der Start ist seit 2013 in Geraardsbergen in Belgien, und das Ziel in Istanbul bzw. seit 2 Jahren in Meteora in Griechenland. Das Rennen wird allein oder in 2er Teams und "unsupported" gefahren. Das bedeutet, es gibt keine Team-/Material-/ oder Versorgungsfahrzeuge und die FahrerInnen transportieren alles, was sie essen, trinken und zum Schlafen brauchen selbst. Sie können die Route frei wählen, müssen dabei aber festgelegte Checkpoints innerhalb vorgegebener Zeitfenster passieren. 3-5 Stunden Schlaf und Distanzen von 250-400 Kilometern am Tag sind nicht ungewöhnlich.

2015 waren unsere Freunde Matze & Mathias dabei, die wir damals knapp am Mont Ventoux Checkpoint verpasst haben. Dieses Jahr sind Johanna und Marion gemeinsam an den Start gegangen und haben damit die Chance, als erstes Frauen-Team das TCR zu beenden. Wir haben uns eine Woche vor dem Start mit Johanna getroffen und über ihre Vorbereitung und ihre Erwartungen an das Rennen gesprochen. 

Die beiden sind inzwischen seit 2000 Kilometern gemeinsam unterwegs und haben vorgestern Checkpoint 3, Karkonosze im Riesengebirge in Tschechien erreicht. Ausser einem defekten Cleat bei Marion und einer genervten Patella bei Johanna, gab es bisher keine nennenswerten Schäden und als eines der vermutlichen sehr wenigen Teams, halten sie sich weiterhin diszipliniert an ihre 7 Stunden Schlaf Strategie.

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Ich fühle mich wie vor einer großen Prüfung. Ich sitze im Flieger nach Brüssel und in etwas mehr als 24 Stunden geht es los. Dieses Gefühl, mit dem arbeiten zu müssen was man hat, dass man jetzt nichts mehr tun kann, das kenne ich, das kann ich einordnen und damit kann ich umgehen. Seit 8 Monaten bereite ich mich vor, vieles hat sehr gut geklappt, einiges ging schief. Einige Dinge hatte ich selbst in der Hand, andere nicht. Oder doch? Letztendlich ist es egal. Das TCR ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Dass Marion und ich morgen zusammen am Start stehen, ist vielleicht jetzt schon einer der größten Erfolge meiner Radsport"karriere". Das Transcontinental Race wird die finale Prüfung unserer Selbst, unserer Planungskompetenzen, unserer Fähigkeiten spontan reagieren zu können, unserer Fitness, unserer mentalen Stärke und auch unserer Limits. Wir sind nun komplett auf uns gestellt. Alles ist auf Null. Ich drücke reset und erinnere mich daran was Mike Hall vor 6 Jahren bewegt hat, das Transcontinental Race zu veranstalten und wie ich es im Dezember nicht schaffte seinen Videos zu widerstehen. Ich freue mich drauf und zähle die Stunden zum Start.

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radpropaganda: Ich habe das Gefühl, ihr ruht in euch. Oder anders gesagt, ihr macht über eure Vorbereitung, einen sehr souveränen Eindruck. Täuscht das?

Johanna Jahnke: Im Grunde erwischt du mich jetzt in der Woche, in der eigentlich nichts mehr passiert. Als wir uns letzte Woche getroffenen haben, ist ungefähr alles schief gegangen, was noch schief gehen konnte. Meine Tubeless-Reifen waren irreparabel bzw. habe ich gemerkt, dass ich sie nicht selber von den Felgen bekomme und musste umdisponieren. Jetzt fahre ich also doch "mit Schlauch" und habe meine letzte große Trainingseinheit gegen einen Tag in der Werkstatt getauscht. Unsere Nabendynamo-Laufräder sind nicht angekommen und hängen laut Tracking irgendwo in Köln fest – wir haben also noch kein Licht! Niemand weiß wann die ankommen und ob das dann funktioniert. Letzte Woche stand ich noch etwas neben mir, weil ich eigentlich jemand bin der alles sehr gerne, sehr genau plant und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die Laufräder schon vor 4 Wochen eingebaut. Da war ich aber machtlos.

"Es geht um jedes Gramm"

Nun ist genau das passiert, was ich eigentlich nicht wollte, dass ich in der letzten Woche noch an meinem Rad rumschrauben muss. Ich habe alles getan was in meiner Macht steht um vorbereitet zu sein, so daß die Laufräder – wenn sie kommen – schnell eingebaut werden können. Wenn sie nicht mehr kommen, dann habe ich einen Plan B, der ist nicht so geil wie das Laufrad, aber mehr kann ich ja nicht machen. Wir haben erst am Samstag den Track zu Ende gebaut, das war auch nicht so geplant. Eigentlich wollten wir ALLES viel früher fertig haben. Das ist aber ganz interessant, weil es dem Maurice Brocco Rennen in unserer Vorbereitung ähnelt, wo auch Sachen passiert sind, die nicht in meiner Macht standen. Ich glaube das Gefühl des "in mir ruhens" ist jetzt wieder da – war aber zwischendurch auch mal weg!

Ich glaube wir sind sehr gut vorbereitet, ich habe für mich alles getan was ich tun konnte und was ich tun wollte  – und damit arbeiten wir jetzt. Das Rennen hat für mich schon begonnen, das merke ich.

radpropaganda: Ich meine zu erinnern das Mathias Ahrberg damals, sogar seine Zahnbürste abgesägt hat :) der war allerdings auch mit seinem alten Stahlrahmen unterwegs.

Johanna: Unsere Taktik ist, so leicht wie möglich zu fahren um Zeit zu sparen. Wir übernachten letztlich in Hotels, weil wir uns diese 200 Gramm sparen wollen, die wir sonst noch zusätzlich dabei hätten und weil wir gemerkt haben, daß wir als Team gut funktionieren, wenn wir ein festes Ziel haben.

radpropaganda: Ihr habt also einen Vertrag gemacht, damit ihr unterwegs weniger aushandeln müsst, und euch darauf zurückfallen lassen könnt, was ihr vorher vereinbart habt?

Johanna: Ja, im Grunde schon. Je weniger Optionen, desto besser. Leute die allein fahren, müssen das natürlich nur mit sich selber aushandeln und können da flexibler sein. Wir müssen auch in der Lage sein flexibel zu reagieren, aber erstmal steht das Grundgerüst. Unsere Etappen sind durchgeplant bis zum Ende. Wir haben auch Puffer eingebaut (haha) wir fahren z.B. an einen Tag nur 120 Kilometer statt 250. Wir haben uns zwar keine festen Hotels, aber entsprechende Optionen rausgesucht.

"Eigentlich gilt, einfach
nur funktionieren!"

radpropaganda: Angenommen, ich setze mir in den Kopf, dieses Rennen unbedingt fahren zu wollen. Dann gibt es irre viele Dinge, die mir im Weg stehen können. Wenn ich die alle negativ beurteile, dann wollen die mich doch fertig machen! Dann wollen die Leute – die z.B. deine Laufräder nicht schicken – quasi verhindern, dass du das Rennen fährst.

Johanna: Für uns war es von Anfang an keine Frage, daß wir auch ankommen wollen – wir wollen das Ding finishen! Wir sind das einzige Frauen-Team das in einer Woche am Start steht. Dieses Jahr sind 350 Fahrer_Innen beim TCR angenommen worden, davon haben rund 100 Leute ihren Startplatz in der Vorbereitungsphase aufgegeben. Daran kann man sehen, dass es schon ein großer Schritt ist überhaupt zu starten. Bei diesem riesigen Projekt kannst du halt nicht als Ziel haben, in Meteora anzukommen – da verlierst du dich. Und deswegen gibt es ganz viele Zwischenziele oder eher Hürden, da freue ich mich immer, wenn ich eine genommen habe :)

radpropaganda: Hast du dir diese Zwischenziele vorher richtig überlegt, oder merkst du erst, wenn du eine Hürde nimmst, dass du ein weiteres Ziel erreicht hast?

Johanna: Ich hab das Rennen für mich persönlich auseinander genommen. An der Startlinie stehen ist eine Hürde, die ich mir bewusst überlegt habe. Oder z.B. Checkpoint 3. Klar, es kann immer was passieren, aber wenn wir CP3 erreichen, dann bin ich ganz schön happy. Das ist das halbe Rennen – 2000 Kilometer – und das wäre ein ziemlicher Erfolg, finde ich.

radpropaganda: Das finde ich interessant. Das übergeordnete Ziel steht so stark im Fokus und gleichzeitig hast du dir – wie gut gecoacht – Zwischenziele gesetzt, die dir erlauben dich auch dann zu freuen, wenn du "nur" die Hälfte von dem erreichst, was euer eigentliches Ziel ist.

Johanna: Ja, das ist der Trick dabei, sich selber Gründe zum Freuen zu organisieren.

radpropaganda: Machst du das sonst auch so, oder kommt das jetzt eher aus der Ultra-Distanz?

Johanna: Ich beginne diese Dinge, die ich gerade in der Rennvorbereitung "an mir anwende" auch ins wirkliche Leben zu übertragen. Und ich glaube, dass ich ganz viel mitnehme davon. Es ist nicht immer einfach. Dieses "das Glas ist halb leer" – ich hab nur die Hälfte geschafft, kenne ich natürlich auch. Es wird im Coachingbereich ja gerne als Werkzeug verkauft – so musst es machen, hier hast du das passende Buch und am besten gleich den Stift und die Tabelle dazu, in die du ALLES einträgst. Das funktioniert für mich zum Beispiel gar nicht, wenn du es dir von aussen aufdrücken lässt. Das ist eher eine Einstellung, eine Einstellung zum Leben, die du übst. Dieses "Ey geil, ich hab' die Hälfte geschafft", das geht gerade los bei mir, so etwas in den Alltag übernehmen zu können. Anhand so einer Geschichte wie dem TCR merke ich – krass mit dieser Einstellung fahre ich ganz gut – und deswegen bin ich auch 450 Kilometer im Regen glücklich, ohne mich dabei zu quälen – völlig bescheuert :) Es ist ein Bereich, in dem du etwas üben kannst, was sich – wenn du es richtig anstellst – auf dein restliches Leben übertragen lässt. So erlebe ich es zumindest im Moment.

… tbc

Wer das Rennen live verfolgen will, kann sich die kleinen blauen Punkte auf http://dotwatcher.cc reinziehen, oder über den Direktlink die Punkte von Johanna_Jahnke und Marion_Dziwnik verfolgen.

http://transcontinental.cc

Interview und pre-TCR Fotos: Tim Kaiser
Fotos von Checkpoint 3: Johanna Jahnke

Fotos 1-3: unser geschätzter Kollege, Sebastian Hofer aka click.inspired, dokumentiert das Rennen der beiden und lauert an Anstiegen, in Haarnadeln oder an den Checkpoints. Die strengen Augen der TCR Orga verfolgen ihn als Dot "X Photo 1" und überwachen die eng gesteckten Zeitfenster während er sich in der Nähe der Fahrerinnen aufhalten darf, um ein "unspported" Rennen zu gewährleisten.

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