Imagine how much better the world would be if more people rode bicycles

Anti Anti Atlas

Episode 2 einer kleinen Reihe von Erinnerungen an eine Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges.

.02 Change of plans

 

„Das ist das schlechteste Wetter seit 25 Jahren! Der Pass ist zugeschneit, da kommt ihr nicht drüber!“ Völlig durchnässt kommen wir in Tafraoute nach über drei Stunden in strömendem Schneeregen bei fünf Grad an. Eine laut den Einheimischen historisch niedrige Kältefront hat uns bei dem Anstieg auf den ersten Höhenmetern des Anti Atlas Rückens eiskalt erwischt und für 50km begleitet. Das schmerzhafte Herunterzählen jedes einzelnen Kilometers, gepaart mit den immer lauter werdenden Stimmen im Kopf beginnt.
Man wünscht sich, dass es bergauf geht, um sich ein bisschen aufzuwärmen. Gleichzeitig schmerzen die eisigen Finger, die kaum noch schalten, geschweige denn die Halterung der Ortlieb Taschen mit Kabelbinder zitternd reparieren können. Erst Fluchen. Dann Lachen. Die wirklich warmen Sachen waren gut verstaut und es fühlte sich unangemessen an, diese jetzt schon herauszuholen. Als wär es ein zu frühes Einknicken. Da war es also, das erhoffte Wüstenklima im deutschen Winter.

 

Ob wir ein Hotelzimmer brauchen, fragt uns ein junger Marokkaner, der auf einmal vor uns steht und dessen Djelleba auf wundersame Weise wasserdicht zu sein scheint. Auf einmal sind wir dankbar für die Geschäftstüchtigkeit hierzulande, wenngleich es nicht schwer war zu erraten, dass wir ein leichtes Opfer sind. Unser Aufenthalt in dem eiskalten, unbeheizten Zimmer mit Betten aus Stroh dauerte etwa so lange wie unsere Gehirne brauchten, um sich von der Tortur des Tages zu erholen. Wir beschließen, das Hotel zu wechseln und lassen ein großzügiges Trinkgeld auf dem kleinen Tisch zurück.

 

 

Die Aussicht auf zwei Wochen in kurzer Hose hat sich spätestens am Morgen von Tag drei in Regentropfen aufgelöst, gepaart mit dem besorgten und ratlosen, wenngleich hilfsbereiten Gesichtsausdruck des Hotelbesitzers. Ist es schlauer, Pläne über den Haufen zu werfen oder souveräner, durchzuhalten? An dem offenen Kaminfeuer des Hotel Salar versuchen wir in europäischer Manier mittels Karte und Smartphone unsere Optionen gegeneinander abzuwägen. Die Situation entpuppt sich jedoch als Gelegenheit, sich daran zu erinnern, mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Zwei Stunden später werden unsere Fahrräder mittels alten Fahrradschläuchen auf das Dach eines Toyota Landcruiser geschnallt und wir fahren mit gemischten Gefühlen in Richtung Sahara.

 

 

Diesen mittlerweile viel zu häufig vernachlässigten Wert, sich auf den Rat von Einheimischen zu verlassen, lernen wir an diesem Abend auf subtile und schöne Weise zu schätzen. Niemals sonst hätten wir diese einfache und doch so liebevoll gestaltete Herberge gefunden. Abdul, der Neffe der Besitzer, ein Junge von demütiger Höflichkeit mit Träumen, die wir im überschwänglichen Nordeuropa gewohnt sind, mit einem Lächeln zu kommentieren, welches an koloniale Zeiten erinnert, begrüßt und versorgt uns mit bester Gastfreundschaft. Diese sieht in Marokko in jedem Fall den obligatorischen Minztee vor, dessen Geschmack durch die Patina der silbern glänzende Kanne und die Höhe aus welcher er ins Glas gegossen wird, bestimmt wird. Wir sitzen also auf der Dachterrasse und lassen im Glanz der untergehenden Sonne das Gefühl in uns ausbreiten, welches durch die Ungewissheit der neuen Route und den Kontrast entsteht, welcher größer nicht hätte sein können, zwischen den schneebedeckten, kargen Bäumen in der Höhe und der berühmten Oase Gorges Ait-Mansour, deren Fülle an Palmen in einem tief in den Fels erodierten Tal uns zwar nicht die Kälte, dafür aber die verhasste Nässe schnell vergessen lies.

Die Route hat sich zwar geändert aber die Vorfreude bleibt dieselbe: Schotterpisten und Abgeschiedenheit in einer so unbekannten, wilden Landschaft.

 

 

Anti Anti Atlas – 1100km – 10 Tage

Alles erscheint irgendwann normal. Man adaptiert sich. Der Blick und die intuitive Bewertung ändern sich. Das ist der Moment, da man die Schönheit zu sehen beginnt und alles wieder im Fluss ist. Der Süden von Marokko zwischen dem Atlasgebirge und der Sahara ist rau, geprägt von überraschend vielen verschiedenen Arten, Farben und Formen von Wüsten und Sand. Hier und da gesprenkelt mit Palmen, wo längst keine Flüsse mehr fließen.

 

 

Über die Reisenden

Brady Lawrence ist Geschichtenerzähler und Media-Producer. Er ist vermutlich der einzige Amerikaner aus North Carolina, der so gut Deutsch spricht und der sich jemals mit einer Rasierklinge in Marrakech hat rasieren lassen. Außerdem hat er Nordamerika schon von Florida nach Alaska auf dem Fahrrad durchquert.

Sebastian Hofer ist Ingenieur und Fotograf. Er hat Fahrräder entwickelt, fotografiert sie und arbeitet als Überzeugungstäter an der schönen Zukunft, dass Fahrräder irgendwann zum Mittelpunkt der Mobilität werden.

Beide leben die Überzeugung, dass man Empathie und kulturelles Verständnis durch internationales Reisen, Entdeckungslust und das Erzählen der erlebten Geschichten fördern muss. Idealerweise mit dem Fahrrad.

📷 / follow @bradylawrencephoto, @click.inspired

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