Imagine how much better the world would be if more people rode bicycles

Anti Anti Atlas

Wir freuen uns nachfolgende Episode, als Auftakt einer kleinen Reihe von Erinnerungen einer Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges auf Radpropaganda zu präsentieren.

.01 Hassan – the host with the most

Auf einmal saßen wir bei Hassan im Laden. Auf viel zu kleinen Hockern um einen länglichen Tisch herum. In der Ecke des ziemlich kleinen Ladens steht eine blaue Gasflasche und darauf die typische Teekanne in ihrer mittlerweile altbekannten arabischen Form. Mit dem Dampf steigt der Duft von marokkanischem Minztee auf. Gastfreundschaft liegt in der Luft. Gepaart mit der Vorahnung, dass diese nicht völlig uneigennützig sein wird.

 

 

Auf der anderen Straßenseite hat er uns (ohne Fahrrad, spazierend) abgefangen mit der Frage, ob wir mit dem Fahrrad reisen würden und dass er einen französischen Freund hätte, der auch mit dem Rad reise. Ob wir nicht kurz mitkommen möchten, er wolle ihn uns vorstellen. Auf unserer Reise haben wir die ganze Bandbreite des Verkaufstalents der Berber kennengelernt. Es hat etwas von Flirten und Vorspiel wie man als Tourist in das Geschäft gelockt wird. Hassan hat mit Subtilität, Ehrlichkeit und Demut gepunktet und schon stand die kleine Schatztruhe auf dem niedrigen Tisch mit uns auf den winzigen Hockern drum herum. Alles sei handgemacht von den Künstlern in der Wüste rund um Zagora, versichert er. Die Zweifel darüber, ob das stimmt, muss man in Marokko schnell beseitige räumen. Man kauft das Erlebnis und die Erinnerung daran mit. Wir interessieren uns für einen Ring und zwei typische Berbertücher. Erst wickelt er Brady das Tuch in echter Berbermanier um den Kopf, dann schreibt Hassan ruhig und etwas theatralisch die Preise für verschiedene Varianten an mehreren Ringen und Tüchern auf und ruft „democratic price!“. 

 

 

Die Einladung zum Handeln also und so überlege ich übertrieben lange, spreche zur vermeintlichen Verunsicherung kurz auf Deutsch mit Brady, schüttele den Kopf und nenne meinen Preis, der gefühlt frech niedrig angesetzt ist. Letztlich habe ich keine Ahnung. Wir einigen uns irgendwo in der Mitte, ich fühle mich unsicher, ob des tatsächlichen Wertes, rechne in Euro um und muss schmunzeln, dass ich gerade über Euro und Centbeträge verhandelt habe, als wären es große Summen. Was bleibt ist das Wissen, dass wohl kein Händler etwas verkauft, mit dem er am Ende nicht genug Gewinn gemacht hat. Auch nicht in Marokko. Ob wir schon einmal eine richtig gute Tajine gegessen hätten, fragt Hassan und nachdem wir etwas verdutzt antworten, lädt er uns am selben Abend zu sich ein und preist selbstbewusst seine eigene überragende Tajine an. Wir kommen wie vereinbart um 19h zurück und diesmal liegt also der angenehme Duft von ‚Ras el-Hanout‘ in der Luft, der blaue Gaskocher und der Raum sind dieselben. Diesmal jedoch sind noch zwei Freunde mit ebenso lädierten Gebissen zu Besuch und lächeln freundlich, während sie ihre wenigen englischen Worte zur Konversation zusammenkratzen. Hassan übersetzt und so unterhalten wir uns dann doch irgendwie mit Händen und Füßen. Zur Feier des Tages zieht er die Stofftischdecke ab und serviert ’special water‘, was sich als selbstgebrannter Dattelwein herausstellt. Zwischen jedem Einschenken in nur einen Plastikbecher, welcher geteilt wird, verschwindet die Flasche in einem handgewebten Beutel, der hinter Hassans Freund an der Wand hängt. Als ich erkläre, dass ich Vegetarier bin und keinen Alkohol trinke lachen alle während der Muezzin zum Abendgebet singt. Hassan erzählt wie und wo alle seine Waren hergestellt werden, dass er jeden Tag 8 Kilometer aus seinem Dorf mit dem Mofa nach Zagora fährt, wie er über die Jahre durch die vielen Touristen englisch gelernt hat und dass er noch nie weiter gereist ist, als nach Casablanca. Er strahlt Genügsamkeit aus und wir fragen uns, ob er sein Leben nie vergleicht mit all den Touristen und dadurch Sehnsucht bekommt.

Hassan fragt, ob wir noch mitkommen möchten in eine Hotelbar. Es gäbe Musik, Bauchtanz und Bier. Nachdem wir noch mithelfen, seine vor dem Laden ausgelegten Waren in einem ausgeklügelten System in den Laden zu räumen, laufen wir 10min die Hauptstraße entlang zu einem heruntergekommen 80er Jahre Hotel mit Metalldetektor am Eingang, den wir Hassan folgend wie selbstverständlich ignorieren. Es gibt tatsächlich Musik und Bier, das mit dem Bauchtanz sah in unserer Phantasie jedoch etwas anders aus. Vereinzelt sitzen Männer zu zweit oder alleine mit Kopfhörer, von unten werden ihre Gesichter angestrahlt vom Licht ihrer Smartphones. Sich viel zu schnell bewegende rote, grüne und blaue Punkte einer Lichtanlage sausen durch den Raum. Ein DJ spielt unaufgeregt zu einem vorprogrammierten Beat arabische Melodien mit verzerrten Synthie Strings auf seinem Keyboard. Auf einmal formiert sich eine Band, deren Sängerin eine große Frau mit Schellen am Gürtel ist, welche gerade noch, ebenso teilnahmslos mit Kopfhörern in einer Ecke saß und nun mit nasaler Stimme etwas zu laut verstärkt singt. Hassan springt auf und zieht Brady mit auf die leere Tanzfläche, um wie ein tanzender Derwisch, mit den Händen über dem Kopf herumzuwirbeln. Es gibt Bier mit dem charmanten Namen October-Beer. Wir zahlen, das scheint der unausgesprochene Deal für diesen Abend zu sein. Dass wir mit staubigen Schuhen und Flanellhemden zwischen all diesen sonderbaren Figuren sitzen scheint keine Rolle zu spielen. Als wir schließlich zwei Stunden später, erfüllt von den vielen Eindrücken des Tages, durch die Nacht zu unserem Hotel spazieren, müssen wir beide laut lachen über dieses einzigartige, irgendwie absurde und unfassbar authentische Erlebnis. Wahrscheinlich wird Brady eines Tages seinen Wunsch wahr machen und diese kleine Parallelwelt in einem Dokumentarfilm porträtieren.

Anti Anti Atlas – 1100km – 10 Tage

Alles erscheint irgendwann normal. Man adaptiert sich. Der Blick und die intuitive Bewertung ändern sich. Das ist der Moment, da man die Schönheit zu sehen beginnt und alles wieder im Fluss ist. Der Süden von Marokko zwischen dem Atlasgebirge und der Sahara ist rau, geprägt von überraschend vielen verschiedenen Arten, Farben und Formen von Wüsten und Sand. Hier und da gesprenkelt mit Palmen, wo längst keine Flüsse mehr fließen.

 

 

Über die Reisenden

Brady Lawrence ist Geschichtenerzähler und Media-Producer. Er ist vermutlich der einzige Amerikaner aus North Carolina, der so gut Deutsch spricht und der sich jemals mit einer Rasierklinge in Marrakech hat rasieren lassen. Außerdem hat er Nordamerika schon von Florida nach Alaska auf dem Fahrrad durchquert.

Sebastian Hofer ist Ingenieur und Fotograf. Er hat Fahrräder entwickelt, fotografiert sie und arbeitet als Überzeugungstäter an der schönen Zukunft, dass Fahrräder irgendwann zum Mittelpunkt der Mobilität werden.

Beide leben die Überzeugung, dass man Empathie und kulturelles Verständnis durch internationales Reisen, Entdeckungslust und das Erzählen der erlebten Geschichten fördern muss. Idealerweise mit dem Fahrrad.

📷 / follow @bradylawrencephoto, @click.inspired

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  • Tourbericht: Auf zum Ahrberg 4 Minus 5 Grad und gleißender Sonnenschein mit morgendlichem Whiteout. Traumhafte 140km zum Ahrberg und zurück.

2 Responses:

  1. Radpropaganda » Blog Archive » Anti Anti Atlas Says:

    […] 2 einer kleinen Reihe von Erinnerungen an eine Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des […]

  2. Radpropaganda » Blog Archive » Berlin, Berlin, wir fahren nach… Says:

    […] An alle die am Wochenende auf der Fahrradschau sind und jetzt Bock auf weitere Tour Geschichten bekommen haben, schaut euch die Foto Ausstellung von Sebastian Hofer und Brady Lawrence an! Eine Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges. 1100km – 10 Tage. Für alle die nicht in Berlin sein können, gibt es den Marokko-Tourbericht der beiden demnächst hier auf radpropaganda! […]

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