Kommt Zeit, kommt Rad.

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Dieses Portrait ist bereits im "gentle rain" Magazin neben weiteren lesenswerten Positionen u.a. mit Steffen Braun, Konrad Rothfuchs und Rolf Kellner erschienen. Gentle rain feierte im letzten Jahr das Release der 4. Ausgabe auf dem Independent Publishing Festival im Oberhafen. Anlässlich der diesjährigen "Indiecon" vom 5.-6. September, gibt es den kompletten Artikel aus dem Heft jetzt auch zum Nachlesen bei uns auf der Seite.

Eine Keimzelle für Fahrradverrückte und der Ausgangspunkt für gute Projekte.

"In 2050, cars are just fossils, climate change stopped, the seas are garbage-free again and discrimination is over. We live in cities that are green and healthy, we live as we please, and yet in a peaceful community. The new issue of gentle rain is serious on utopias. We asked transport planners and architects from Hamburg, Frankfurt and Copenhagen how the end of the car could become an opportunity for the city. How do we tackle climate change with sustainable mobility – and thus create room for new things in public space?"

_ Ein Schulterblick von Malte Brenneisen
_ Fotos Malte Spindler

Hamburg ist gerade dabei, sich als Fahrradstadt zu entdecken. Als Blogger und Anschieber der Zweiradkultur wirbt Tim Kaiser schon seit über zehn Jahren für mehr Platz und Rücksicht auf den Straßen – und entwickelt in seinem Werkstatt-Atelier die passenden Zweirad-Projekte für eine bessere Gesellschaft.

Imbissbuden, ausrangierte Toiletten, warnblinkende SUVs oder ein paar Laubhaufen: Was auf Hamburgs Radwegen so steht und liegt, würde auf der Straße direkt daneben mindestens zu Hupkonzerten, vielleicht auch zum Polizeieinsatz führen.

Im Blog von Tim Kaiser erscheinen diese und andere Fahrrad-Hindernisse auf einer hübschen Stadtkarte*. Die speist sich aus dem Instagram-Account bikelaneHH. Wer den betreibt? Man weiß es nicht. Außer ihm haben hunderte Radfahrende Fotos eingesendet, um zu zeigen, was sich ihnen tagtäglich in den Weg stellt. "Es reicht nicht mehr aus nur zu meckern, man muss sichtbar machen, wo die Probleme sind", sagt Tim.

"Radfahren war für mich von allen Dingen immer die Sache, die keinen Haken hat"

Tim Kaiser, Mitgründer des Kollektivs Radpropaganda.

Wer den Mann mit Baseballcap besuchen will, wieselt sich durch einen Innenhof im Stadtteil Hammerbrook, vorbei an selbstgeschweißten Lastenrädern und einem hochsitzartigen Tallbike. Hinter einer schweren Eisentür ohne Klingelschild führt eine breite Treppe nach oben. Ein Holzkeil hält die nächste Tür auf, dann steht man zwischen Schwerlastregalen. An der Decke hängen Reifen, Laufräder und Rahmen von Trek oder Merida, deren bunte Aufdrucke an die neunziger Jahre erinnern. Mittig ist ein Gravelbike aufgebockt, das Tim gerade aufbaut. Es wird sein Gefährt für die von ihm mitinitiierte 250-Kilometer-Breitreifenfahrt „Schnucki“ in der Lüneburger Heide.

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Noch einen Durchgang und zehn Schritte weiter steht Tim an seinem Monitor, hohe weiße Wände, hinter ihm eine Hohlkehle für Fotoaufnahmen. Im Hauptberuf ist der studierte Kommunikationsdesigner "Hybridkreativer" – Filmer, Fotograf und Grafikdesigner. "So stellt mich ein guter Freund und Kollege immer vor, und ich finde das passt", sagt Tim.

Das Werkstatt-Atelier ist eine Keimzelle für Fahrradverrückte und Freischaffende, seit mehr als zehn Jahren – und der Ausgangspunkt für Projekte, um die Welt ein bisschen besser zu machen. "Das Fahrrad ist ein Möglichmacher", sagt Tim.

Der Radpropaganda-Blog entstand zunächst als persönliche Austauschfläche von Fahrrad-Freund:innen zwischen Berlin und Hamburg. Überall in der Hansestadt haften heute die kreisrunden Sticker. Es ging um Stahlrahmen, DIY-Lösungen, Routen und Rennen, aber auch um Politik. Zum Beispiel um die Forderung nach autofreien Straßen im zugeparkten Hamburger Westen, in dem Tim heute mit seiner Familie lebt. Dann folgten Dieselskandale, Emissionsdebatten und Fahrverbote; heute gibt es tatsächlich Pläne für ein Ottensen ohne Autos, wenn auch nur auf Zeit.

„Wir stehen jetzt vor der legendären Chance, Hamburg tatsächlich aufs Rad zu setzen“, sagt Tim.

Dabei ist das Rad für ihn mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Schon während der Industrialisierung habe es Menschen zu individueller Mobilität verholfen: Arbeiter machten Ausflüge und Frauen konnten sich – wenn auch erst gegen Widerstände – mit dem Fahrrad selbständiger bewegen. "Heute holt es geflüchtete Familien aus den Camps, in die sie vor Hamburgs Stadtgrenzen reinstrukturiert werden – rein in unsere Mitte", sagt Tim. Zu den Errungenschaften von ihm und seinem Umfeld gehörten auch Ermächtigungs-Projekte wie "50 Bikes for Refugees".

Ein weiteres Beispiel für das utopische Potential des Fahrrads: Die Workshopreihe "Velo-Urbanomics", die Radpropaganda schon 2014 beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel ins Leben rief. Hier entstand auch das Bank-Bike, halb Sitzmöbel, halb Fahrrad.

Das Bank-Bike: Ein Fahrrad, bei dem eine Bierbank zwischen den Rädern als Mittelteil eingesetzt wurde.

Dank einer rechtlichen Grauzone dürfen private Zweiräder fast überall im Stadtraum geparkt werden, wie zahllose Werbe-Räder – aber auch Mahn-male wie die weißen Ghost-Bikes im Andenken an tödliche Fahrradunfälle – in Hamburg bezeugen. Das Bank-Bike wird dort eingesetzt, wo es gebraucht wird. "Als nach dem Umbau des Hansaplatzes in St. Georg keine Sitzgelegenheiten mehr vorgesehen waren, zum Beispiel, oder als im Gängeviertel vor einem Café keine Stühle und Bänke mehr stehen durften, haben wir es zufällig dort angeschlossen. Und schon konnten die Leute wieder draußen sitzen und in ihrer Stadt verweilen – und das Ordnungsamt konnte nichts dagegen tun."

Tims Rad-Rat wird heute geschätzt, inzwischen auch beruflich. Er berät zum Beispiel Investor:innen bei der fahrradfreundlichen Neugestaltung des Alten Fischereihafens in Cuxhaven. Dass die Radpropaganda-Themen von vor zehn Jahren heute Hochkonjunktur haben, ändert nach Tims Ansicht wenig am Handlungsbedarf:

"Nur weil die Stadt einen bunten Streifen auf die Straße malt, heißt das noch nicht, dass da auch Dreiräder von Gehbehinderten, Lastenräder oder Anhänger mit Kindern sicher unterwegs sein können. Wir brauchen eine angemessene Infrastruktur für alle Radfahrenden", sagt Tim.

Gleich neben seinem Schreibtisch steht ein kompaktes Lastenrad, dessen Korb man zusammenklappen kann. 70 Kilo Zuladung passen da rein, zur Not auch mal ein paar Möbel und Tims Tochter auf dem täglichen Weg zur Kita. Das Mädchen war für das bisher einzige Erlebnis verantwortlich, bei dem Tim sich kurz wünschte ein Auto fahren zu dürfen: "Die Kleine hatte im Urlaub plötzlich hohes Fieber und es gab keinen Handyempfang". Das Erlebnis ist für ihn der einzige Grund, doch noch den Führerschein zu machen. Ein eigenes Auto in der Stadt braucht die Familie aber nicht, denn das kostet öffentlichen Raum am Straßenrand und weicht ab von seiner Überzeugung: "Das Fahrrad kann den Menschen ihre Stadt zurückgeben!". Bis es tatsächlich so weit ist, werden noch viele Radpropaganda-Sticker von Hamburgs Ampeln geknibbelt – oder von den Toiletten auf den Radwegen.

https://indiecon-festival.com

https://gentlerainmag.com

*Die erwähnte Stadtkarte ist aus rein technischen Gründen (Änderung der Instagram-Schnittstelle) leider nicht mehr darstellbar :( Wer sich berufen fühlt, hier eine neue Lösung mit uns zu ersinnen, ist herzlich eingeladen sich zu melden!

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