Imagine how much better the world would be if more people rode bicycles

TCR No. 6 /w Johanna & Marion

 

Das „Transcontinental Race“ ist eines der bekannteren und härtesten Ultra-Cycling Rennen der Welt. Es führt mit Distanzen zwischen 3000-4000 Kilometern kreuz und quer durch Europa. Der Start ist seit 2013 in Geraardsbergen, Belgien und das Ziel in Istanbul bzw. seit 2 Jahren in Meteora, Griechenland. Das Rennen wird allein oder in 2er Teams und „unsupported“ gefahren d.h. keine Team-/Material-/ oder Versorgungsfahrzeuge und die Fahrer_Innen transportieren was sie essen, trinken und zum Schlafen brauchen selbst. Sie können die Route frei wählen, müssen dabei aber 3-4 festgelegte Checkpoints innerhalb vorgegebener Zeitfenster passieren.
3-5 Stunden Schlaf und Distanzen von 250-400 Kilometern am Tag sind nicht ungewöhnlich. 2015 waren unsere beiden Freunde Matze & Mathias dabei, die wir damals am „Mont Ventoux Checkpoint“ (siehe hier) knapp verpasst haben. Dieses Jahr sind Johanna und Marion gemeinsam an den Start gegangen und haben damit die Chance, als erstes 2er Frauen-Team das TCR zu beenden. Wir haben uns eine Woche vor dem Start mit Johanna getroffen und ein bisschen über ihre Vorbereitung (siehe auch Maurice Brocco) und ihre Erwartungen an das Rennen gesprochen.

Die beiden sind inzwischen seit knapp 2000 Kilometern gemeinsam unterwegs und haben vorgestern Checkpoint 3, Karkonosze im Riesengebirge in Tschechien erreicht. Ausser einem defekten Cleat bei Marion und einer genervten Patella bei Johanna, gab es bisher keine nennenswerten Schäden und als eines der vermutlichen sehr wenigen Teams, halten sie sich weiterhin diszipliniert an ihre 7 Stunden Schlaf Strategie!

 

Taking a nap at TCR. Photo by Sebastian Hofer

Checkpointlife, Photo: Sebastian Hofer

 

„Ich fühle mich wie vor einer großen Prüfung. Ich sitze im Flieger nach Brüssel und in etwas mehr als 24h geht es los. Dieses Gefühl, mit dem arbeiten zu müssen was man hat, dass man jetzt nichts mehr tun kann, das kenne ich, das kann ich einordnen und damit kann ich umgehen. Seit 8 Monaten bereite ich mich vor, vieles hat sehr gut geklappt, einiges ging schief. Einige Dinge hatte ich selbst in der Hand, andere nicht. Oder doch? Letztendlich ist es egal. Das TCR ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Dass Marion und ich morgen zusammen am Start stehen, ist vielleicht jetzt schon einer der größten Erfolge meiner Radsport“karriere“. Das Transcontinental Race wird die finale Prüfung unserer Selbst, unserer Planungskompetenzen, unserer Fähigkeiten spontan reagieren zu können, unserer Fitness, unserer mentalen Stärke und auch unserer Limits. Wir sind nun komplett auf uns gestellt. Alles ist auf Null. Ich drücke reset und erinnere mich daran was Mike Hall vor 6 Jahren bewegt hat, das Transcontinental Race zu veranstalten und wie ich es im Dezember nicht schaffte seinen Videos zu widerstehen. Ich freue mich drauf und zähle die Stunden zum Start.“

 

 

® Ich habe das Gefühl ihr ruht aktuell in euch, oder anders gesagt – ihr macht über eure Vorbereitung einen sehr souveränen Eindruck. Täuscht das?

Johanna Jahnke: Im Grunde erwischt du mich jetzt in der Woche, in der eigentlich nichts mehr passiert. Als wir uns letzte Woche getroffenen haben, ist ungefähr alles schief gegangen, was noch schief gehen konnte. Meine Tubeless-Reifen waren irreparabel bzw. habe ich gemerkt, dass ich sie nicht selber von den Felgen bekomme und musste umdisponieren. Jetzt fahre ich also doch „mit Schlauch“ und habe meine letzte große Trainingseinheit gegen einen Tag in der Werkstatt getauscht. Unsere Nabendynamo-Laufräder sind nicht angekommen und hängen laut Tracking irgendwo in Köln fest – wir haben also noch kein Licht! Niemand weiß wann die ankommen und ob das dann funktioniert. Letzte Woche stand ich noch etwas neben mir, weil ich eigentlich jemand bin der alles sehr gerne, sehr genau plant und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die Laufräder schon vor 4 Wochen eingebaut. Da war ich aber machtlos.

Nun ist genau das passiert, was ich eigentlich nicht wollte, dass ich in der letzten Woche noch an meinem Rad rumschrauben muss. Ich habe alles getan was in meiner Macht steht um vorbereitet zu sein, so daß die Laufräder – wenn sie kommen – schnell eingebaut werden können. Wenn sie nicht mehr kommen, dann habe ich einen Plan B, der ist nicht so geil wie das Laufrad, aber mehr kann ich ja nicht machen. Wir haben erst am Samstag den Track zu Ende gebaut, das war auch nicht so geplant. Eigentlich wollten wir ALLES viel früher fertig haben. Das ist aber ganz interessant, weil es dem Maurice Brocco Rennen in unserer Vorbereitung ähnelt, wo auch Sachen passiert sind, die nicht in meiner Macht standen. Ich glaube das Gefühl des „in mir ruhens“ ist jetzt wieder da – war aber zwischendurch auch mal weg!

Ich glaube wir sind sehr gut vorbereitet, ich habe für mich alles getan was ich tun konnte und was ich tun wollte  – und damit arbeiten wir jetzt. Das Rennen hat für mich schon begonnen, das merke ich.

 

„Es geht um jedes Gramm“

 

® ich meine zu erinnern das Mathias Ahrberg damals, sogar seine Zahnbürste abgesägt hat :) der war allerdings auch mit seinem alten Stahlrahmen unterwegs.

J: Unsere Taktik ist so leicht wie möglich zu fahren um Zeit zu sparen. Wir übernachten letztlich in Hotels, weil wir uns diese 200 Gramm sparen wollen, die wir sonst noch zusätzlich dabei hätten und weil wir gemerkt haben, daß wir als Team gut funktionieren wenn wir ein festes Ziel haben.

® Ihr habt sozusagen einen kleinen Vertrag gemacht, damit ihr unterwegs weniger aushandeln müsst, und euch darauf zurückfallen lassen könnt, was ihr vorher vereinbart habt?

J: Ja im Grunde ja, je weniger Optionen desto besser. Leute die allein fahren, müssen das natürlich nur mit sich selber aushandeln und können da flexibler sein. Wir müssen auch in der Lage sein flexibel zu reagieren aber erstmal steht das Grundgerüst. Unsere Etappen sind durchgeplant bis zum Ende. Wir haben auch Puffer eingebaut (haha) wir fahren z.B. an einen Tag nur 120 Kilometer statt 250. Wir haben uns zwar keine festen Hotels, aber entsprechende Optionen rausgesucht.

 

„Eigentlich gilt, einfach nur funktionieren!“

 

 

® Angenommen, ich setze mir sehr sehr doll in den Kopf dieses Rennen fahren zu wollen, dann gibt es natürlich unglaublich viele Dinge, die einem da im Weg stehen können. Wenn man die jetzt alle negativ beurteilt, dann WOLLEN die einen doch fertig machen! Dann wollen die Leute – die z.B. deine Laufräder nicht schicken – quasi verhindern das du das Rennen fährst.

J: Für uns war es von Anfang an keine Frage, daß wir auch ankommen wollen – wir wollen das Ding finishen! Wir sind das einzige Frauen-Team das in einer Woche am Start steht. Dieses Jahr sind 350 Fahrer_Innen beim TCR angenommen worden, davon haben rund 100 Leute ihren Startplatz in der Vorbereitungsphase aufgegeben. Daran kann man sehen, dass es schon ein großer Schritt ist überhaupt zu starten. Bei diesem riesigen Projekt kannst du halt nicht als Ziel haben, in Meteora anzukommen – da verlierst du dich. Und deswegen gibt es ganz viele Zwischenziele oder eher Hürden, da freue ich mich immer, wenn ich eine genommen habe :)

® Hast du dir diese Zwischenziele vorher richtig überlegt oder merkst du erst, wenn du eine Hürde nimmst, dass du ein weiteres Ziel erreicht hast?

J: Ich hab das Rennen für mich persönlich auseinander genommen. An der Startlinie stehen ist so eine Hürde, die ich mir bewusst überlegt habe. Oder z.B. Checkpoint 3. Klar, es kann immer was passieren, aber wenn wir CP3 erreichen, dann bin ich schon ganz schön happy. Das ist das halbe Rennen – 2000 Kilometer – und das wäre schon ein ziemlicher Erfolg, finde ich.

 

 

® Das finde ich interessant. Das übergeordnete Ziel steht so stark im Fokus und gleichzeitig hast du dir – wie gut gecoacht – Zwischenziele gesetzt, die dir erlauben dich auch dann zu freuen, wenn du nur die Hälfte von dem erreichst, was euer eigentliches Ziel ist.

J: Ja, das ist der Trick dabei, sich selber Gründe zum Freuen zu organisieren.

® Machst du das sonst auch so, oder kommt das jetzt eher aus der Ultra-Distanz?

J: Ich beginne diese Dinge, die ich gerade in der Rennvorbereitung „an mir anwende“ auch ins wirkliche Leben zu übertragen. Und ich glaube, dass ich ganz viel mitnehme davon. Es ist nicht immer einfach. Dieses „das Glas ist halb leer“ – ich hab nur die Hälfte geschafft, kenne ich natürlich auch. Es wird im Coachingbereich ja gerne als Werkzeug verkauft – so musst es machen, hier hast du das passende Buch und am besten gleich den Stift und die Tabelle dazu, in die du ALLES einträgst. Das funktioniert für mich zum Beispiel gar nicht, wenn du es dir von aussen aufdrücken lässt. Das ist eher eine Einstellung, eine Einstellung zum Leben, die du übst. Dieses „Ey geil, ich hab‘ die Hälfte geschafft“, das geht gerade los bei mir, so etwas in den Alltag übernehmen zu können. Anhand so einer Geschichte wie dem TCR merke ich – krass mit dieser Einstellung fahre ich ganz gut – und deswegen bin ich auch 450 Kilometer im Regen glücklich, ohne mich dabei zu quälen – völlig bescheuert :) Es ist ein Bereich, in dem du etwas üben kannst, was sich – wenn du es richtig anstellst – auf dein restliches Leben übertragen lässt. So erlebe ich es zumindest im Moment.

… tbc

 

 

Interview und pre-TCR Fotos: Tim Kaiser

Fotos von Checkpoint 3: Johanna Jahnke

 

Fotos 1-3: unser geschätzter Kollege, Sebastian Hofer aka click.inspired, dokumentiert das Rennen der beiden und lauert an Anstiegen, in Haarnadeln oder an den Checkpoints. Die strengen Augen der TCR Orga verfolgen ihn als Dot „X Photo 1“ und überwachen die eng gesteckten Zeitfenster während er sich in der Nähe der Fahrerinnen aufhalten darf, um ein „unspported“ Rennen zu gewährleisten.

 

Wer das Rennen live verfolgen will – James Mark Hayden hat inzwischen in 8 Tagen, 22 Stunden 56 Minuten als erster das Ziel in Griechenland erreicht – kann sich die kleinen blauen Punkte auf http://dotwatcher.cc reinziehen, oder über den Direktlink die Punkte von Johanna_Jahnke und Marion_Dziwnik verfolgen.

http://transcontinental.cc

Maurice Brocco 400

Der 26. Juni ist der Todestag von Maurice „Coco“ Brocco, gelernter Metzger, französischer Bahn- und Straßenrennfahrer und der erste „Domestik“ der Tour de France. Ihm zu Ehren und im Geiste der damaligen Rennen – keine gesperrten Strecken und lange Distanzen – startete dieses Jahr zum dritten mal ein FahrerInnenfeld in ein 24 Stunden-Rennen, mit mehreren Checkpoints (und der besten veganen Verpflegung) von und nach Leipzig. Johanna Jahnke konnte (etwas überraschend) die Frauenwertung für sich entscheiden und wir freuen uns, mit ihrem Rennbericht einen kleinen, persönlichen Einblick in das Rennen geben zu können.

 


Foto: Lamri Adjis

Mein erstes Ultracycling-Rennen!

Maurice Brocco: 446,84 km I 4,368 Höhenmeter I Start Samstag 12:00, Ziel Sonntag 10:32

5-15°C Grad und durchgehend Regen. Die Wettervorhersage für unser erstes Ultracycling-Rennen sah nicht besonders einladend aus. Nun gut, wir sahen das Ganze trotzdem positiv, denn Marion und ich hatten uns nicht wegen des Rennens angemeldet, sondern um es als Training für das „Transcontinental Race“ zu nutzen und Teile unserer Ausrüstung zu testen. Also, warum nicht gleich mit einer anspruchsvollen, nassen und kalten ersten 400 km Erfahrung in die Langdistanzwelt einsteigen? Gesagt getan. Bei genauerer Betrachtung waren die Bedingungen also nahezu perfekt, zumal uns unser Freund Phil aus Leipzig noch ein schönes Frühstück und gute Musik versprochen hatte.

Der Start des Rennens von einem Hof in der Nähe von Leipzig, verlief super. Wir schafften es unser eigenes Tempo zu fahren und nicht mit den anderen zu Ballern. Klingt einfach, aber sowohl Marion als auch ich sind relativ ehrgeizig und mussten erst unsere inneren Renndämonen besänftigen, bevor wir es schafften langsamer zu werden und die anderen fahren zu lassen. Mit etwas Rückenwind, signifikant weniger Regen als erwartet (toll, wie glücklich einen ein paar Regenschauer machen können, wenn man ursprünglich Dauerregen erwartet hatte) und bei bester Laune erreichten wir nach ca 90km den ersten Checkpoint in Chemnitz. Dort angekommen traute ich meinen Augen kaum, es gab vegane Snacks und sogar glutenfreies Essen. Von Checkpoint #1 bis ins Ziel – um hier mal vorzugreifen – gab es tatsächlich die beste vegane Verpflegung, die ich jemals bei einem Event gesehen habe. Köstliche Kuchen, leckere warme Suppen, Kaffee mit pflanzlicher Milch – ich war optimalst versorgt! Danke dafür an den Veranstalter und an alle Helfer*innen an den Checkpoints.

Top motiviert fuhren wir zu zweit weiter, bis an einem Anstieg bei Kilometer 120, Marions Schaltauge abriss. Wir hatten gerade zu ein paar Freund*innen aufgeschlossen und es wurde eine schnelle Entscheidung getroffen: da es keine Chance gab den Umwerfer zu reparieren, rief Marion die Notrufzentrale des Maurice Brocco an, um sich einsammeln zu lassen und ich fuhr weiter. Ich hatte tatsächlich kurz darüber nachgedacht ebenfalls aufzuhören, aber der Gedanke, mit einem perfekt funktionierenden Fahrrad von einem Bus eingesammelt zu werden, erschien mir irgendwie falsch. Also fuhr ich weiter. Ich war in einer netten Gruppe unterwegs, fühlte mich wohl und war fit, nur meine Stimmung war dann interessanterweise nicht mehr ganz so positiv. Kleine Dinge fingen an mich zu stören, ich fand es schwer einen neuen Rhythmus zu finden und hatte irgendwie nicht mehr so viel Spaß beim Fahren. Ich bemerkte das, überlegte woran es liegen könnte und realisierte: Natürlich, Marion fehlte! Es war nicht nur meine Teamfahrerin und Freundin, die jetzt weg war, sondern auch der Grund für dieses Rennen war plötzlich nicht mehr da. Die Transcontinental-Testfahrt mit Marion war gescheitert. Warum sollte ich also überhaupt weiterfahren? Warum hatte ich nicht einfach zusammen mit ihr aufgehört? Statt mich hier draußen in Kälte und Regen den Berg hochzukurbeln, hätte ich jetzt auch im trockenen Bus sitzen können.

 


Foto: Nicole Donner

 

Mir wurde klar, dass ich, wenn ich weiterfahren wollte, diese negativen Gedanken loswerden musste und der einzige Ausweg war ein neues Ziel. Ok, Marion ist weg, aber ich bin immer noch hier, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln, die für uns beide hilfreich sein könnten. Die Nachtfahrt, die wir proben wollten, die 400km am Stück die keine von uns bisher gefahren war. Irgendwie funktionierte es. Ich schaffte es mich umzupolen. Das war der Wendepunkt und mir gelang es, wie zu Beginn des Rennens, die Schönheit der Fahrt zu genießen, die mystischen Wolken und die malerischen dunklen Baumreihen zu bestaunen, die 16% Anstiege als willkommene Herausforderung zu sehen und vorallem, mich über meine Mitfahrer*innen Carola, Yve und Juliane zu freuen. Mit ihnen fühlte ich mich sicher und wieder gut gelaunt ging es weiter zum zweiten Checkpoint, die Talsperre Flajé in Tschechien.

Checkpoint #2 war draußen, also machten wir nur eine kurze Pause, wärmten uns ein paar Minuten im Bus auf und fuhren weiter zum Dritten, Barakka, dem Checkpoint mit dem Kamin – dem nicht viele Rennfahrer*innen widerstehen konnten. Es war einfach zu gemütlich und es gab wieder viel zu gutes Essen. Ich nahm leckere Pommes und Süßkartoffelsuppe. Wir waren 240 Kilometer gefahren und hatten den Großteil der Höhenmeter geschafft. Allerdings war es jetzt stockdunkel und regnete stark. Meine Gruppe entschied eine längere Pause zu machen, aber da ich noch fit war, mein Kit mich warm gehalten hatte und ich keinen Grund sah mich auszuruhen, beschloss ich weiterzufahren. Zum Glück fand ich 4 sehr nette Menschen, die auch weiter wollten und mit denen ich durch die Nacht fahren konnte. Der Regen war nun wirklich heftig, es war dunkel und mir wurde klar, dass dies der schwierigste Teil sein würde. Ich war froh, nicht alleine unterwegs zu sein. Ich freute mich auf den nächsten Checkpoint, da ich schon immer wissen wollte, wie es bei Lightwolf in Dresden aussah und – komplett entgegen meiner Erwartungen – führte ich plötzlich das Rennen an. Es war keine Frau vor mir und ich fuhr plötzlich um den Sieg. C O M P E T I T I O N. Verdammt. Und ich konnte nichts dagegen tun. Ich war „in the mode“.

Die Nachtfahrt verging wie im Flug, ich hatte gutes Licht und immer noch jede Menge Power. Bei Lightwolf war es sehr nett, es gab großartigen Kaffee und wieder leckeren Kuchen, aber so richtig kuschelig warm war es (trotz Heißluftfön) leider nicht und ich merkte, dass ich mich bewegen musste. Von 7 Fahrern am Checkpoint entschieden sich 4, mit mir weiter zu fahren. Wir hatten noch 130 km bis zum Ziel und ich hatte das Gefühl, dass ich das leicht schaffen könnte. Ich hatte so viel Energie übrig, dass ich mich nicht an meine Reisegeschwindigkeit hielt, sondern das Tempo anzog. Gut für mich, aber nicht so gut für meine Gruppe. Als wir zum letzten Checkpoint kamen, waren meine Mitfahrer mehr zerstört als nötig. Mir wurde zu spät klar, dass ich sie in eine Situation gebracht hatte, in der ich meinen Wunsch, das Rennen zu finishen und evtl. sogar zu gewinnen, über ihr Wohlergehen gestellt hatte. Besser spät als nie, ließ ich (sie) los und fuhr die letzte Etappe alleine ins Ziel. Es lief sehr gut und war eine wertvolle Erfahrung. Nach 20 Stunden auf dem Rad schien endlich die Sonne und dank des TT-Aufsatzes machte mir auch der Gegenwind nichts aus. Weitere 2 Stunden und insgesamt 430 km später kam ich im Ziel an, stolz, glücklich und tatsächlich die schnellste Frau. Was für ein perfekter Abschluss meines allerersten Ultra-Rennens.

Wie habe ich mich vorbereitet und was waren meine „Keymoves“?

Mein Bikefit, der richtige Sattel, Taschen mit schnellem Zugriff, ein extra Set trockener Kleidung (hab es nicht benutzt, aber wusste, dass ich es hätte können), ein perfektes Kit, das mich warm hielt, durchweg Spaß haben bzw. eine Krise erkennen und überwinden, Tubeless Reifen, Essen und Trinken die ganze Zeit über (Foodpouch hilft), nicht zu lange ausruhen, coole Leute zum Fahren, sehr gutes Licht für die Nacht, mehr Popocreme während des Rennens, mutig sein! 450 Km sind mehr als das Doppelte von dem was ich je vorher gefahren war. Aber ob man das schafft, weiß man ja erst wenn man es probiert. Also bis nächstes Jahr – dann bei hoffentlich etwas schönerem Wetter!

 

Foto: Nicole Donner
Foto: Nicole Donner

Johanna Jahnke

fährt erfolgreich fixedgear Rennen, ernährt sich seit 18 Jahren vegan, ist ehemalige Rugby Nationalspielerin und Mutter von 2 Kindern. Sie macht sich für Gleichberechtigung stark und hat das Herz am rechten Fleck. Gemeinsam mit Marion Dziwnik startet sie in rund 4 Wochen beim „Transcontinental Race“ in Belgien. Sie haben damit die Chance als erstes Frauenteam eines der härtesten ultra-endurance Rennen in Europa zu beenden, wenn sie es schaffen die rund 3800 km und 35000 Höhenmeter hinter sich zu lassen und 14 Tage später das Ziel in Griechenland erreichen. Wir werden hier und beim TCR hoffentlich noch viel von ihr hören!

Ihre Vorbereitung auf’s TCR könnt ihr auf Instagram @johanna_jahnke oder auf Strava
strava.com/athletes/2797310 verfolgen

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Das MB400 Video vom letzten Jahr ist vermutlich das 100%ige Gegenteil von Johanna’s Rennbericht, aber gerade deshalb nicht weniger sehenswert. #mauricebrocco400

http://mauricebrocco400.net

The Masked Maniac

Sabir Abdussabur wurde 2014 von einem Auto angefahren… … READ MORE »

Anti Anti Atlas

Wir freuen uns die dritte und letzte Episode einer kleinen Reihe von Erinnerungen, an eine Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges zu präsentieren. Text: Sebastian Hofer, Fotos: Sebastian Hofer & Brady Lawrence.

.03 Chances

 

‚Warum fahren wir nicht einfach weiter nach Zagora?’ Es wirkte wohl wie ein Scherz, was ich vorschlug. Der Tag hatte damit begonnen, dass wir von einer Herde Ziegen aufgeweckt worden waren. Die Herde wurde von drei Kindern gehütet, die sich nun neugierig um unser Zelt versammelten und wie jedes Kind, kolonialistisch konditioniert prompt nach Geld fragten. Nach 10km lernen wir eine neue Lektion: Starker Gegenwind in der Wüste bedeutet Sandsturm. Die nächsten Stunden kriechen wir kräftezehrend auf dieser nagelneu asphaltierten Straße in Richtung der gefühlt unendlich weit entfernten Wüstenstadt Foum Zguid. Erschöpft und hungrig bestellen wir in der nächstbesten Bar an einer Straßenecke alles, was wir sonst niemals essen würden.

 

 

Es war schon 15 Uhr und Zagora war gute 125 Kilometer entfernt. ‚Die Straße ist langgezogen, flach und geht immer nur geradeaus gen Osten. Wir haben doch unsere Lampen dabei! Komm schon, das wird ein geiles Abenteuer! Damit hatte ich ihn und so kauften wir ein paar Snickers, Cola und eine Extraportion Fritten und fuhren mit Herzklopfen in Richtung Abendsonne. Ein unvergesslicher Ritt auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und schwindender Beinkraft durch eine sternenklare Nacht lag uns bevor.

Eines der magischen Elemente am Radreisen ist, dass man dem Zufall wieder eine Chance gibt. In einer Welt wie Marokko, deren subtile Regeln man nicht verinnerlicht hat, wo die Digitalisierung noch kaum Einzug gehalten hat, da machen Souveränität und Effizienz Platz für Intuition und Improvision. Je weiter man sich aus seiner Komfortzone herauswagt, desto tiefer dringt man doch ein in das Hoheitsgebiets der Beliebigkeit. Die Herausforderung besteht darin, das Schöne darin zu erkennen. Später nach unserer Heimkehr erzählen wir dann unseren Freunden mit einem süßen Geschmack im Mund von dem Dattelverkäufer am Straßenrand, der den sehnsüchtigen Wunsch nach dieser verführerischen Frucht nach 800km endlich erfüllen konnte.

 

 

Wir lachen bei der Erinnerung an den Ziegenhirten mitten im Atlasgebirge, der aus dem Nichts auf einmal auf der Straße auftaucht. Er winkt fröhlich und schüttelt sich mit einem zahn- und sorglosen Lachen. Auch für ihn war das ein sonderbarer Moment, zwei Männer auf Fahrrädern mitten in seiner Komfortzone. Wir beginnen solche Geschichten mit einleitenden Adjektiven wie absurd, authentisch oder random. So auch die Erinnerung an den alten Mann, der in seiner senfgelben Djelleba in einem abgelegenen Dorf mitten im Atlasgebirge in einer Kurve vor seinem Kiosk/Café/Herberge/Bäckerei auf einem Plastikstuhl sitzt und aufspringt als er uns sieht. Er lädt uns ein auf ein Glas des altbekannten Minztees, serviert frisch geknackte Walnüsse und schickt seinen Neffen los, frisch gebackenes Brot zu holen. Wohin er verschwand und mit welch frisch duftenden Brot er zurückkam, war uns ein Rätsel. Wir essen unser obligatorisches Käse, Avocado, Thunfisch Sandwich, bieten dem alten Mann auch eines an und versuchen ernsthaft, uns die Worte für all die Dinge auf die er zeigt und sie auf Berbersprache benennt, zu merken. Wir gaben ihm 50 Dirham und machten uns auf den Weg.

 

 

Der Süden von Marokko zwischen dem Atlasgebirge und der Sahara ist rau, geprägt von überraschend vielen verschiedenen Arten, Farben und Formen von Wüsten und ist hier und da gesprenkelt mit Palmen, in Flussbetten wo längst kein Wasser mehr fließt. Der perfekte Ort also für innerliche Adaption. Man lernt die Feinheiten zu sehen wenn der Blick sich neu justiert. Wenn dieser nicht auf der Suche ist. Würde man im Auto, geschützt von Sandstürmen, Sonne und Geographie durch die Landschaft sausen, man wäre umringt von Berechenbarkeit und fixiert auf das nächste touristische Ziel. Das Konzept des Planens stößt so auf das Konzept des Zufalls.

 

Anti Anti Atlas – 1100km – 10 Tage

Alles erscheint irgendwann normal. Man adaptiert sich. Der Blick und die intuitive Bewertung ändern sich. Das ist der Moment, da man die Schönheit zu sehen beginnt und alles wieder im Fluss ist.

 

 

Über die Reisenden

Brady Lawrence ist Geschichtenerzähler und Media-Producer. Er ist vermutlich der einzige Amerikaner aus North Carolina, der so gut Deutsch spricht und der sich jemals mit einer Rasierklinge in Marrakech hat rasieren lassen. Außerdem hat er Nordamerika schon von Florida nach Alaska auf dem Fahrrad durchquert.

Sebastian Hofer ist Ingenieur und Fotograf. Er hat Fahrräder entwickelt, fotografiert sie und arbeitet als Überzeugungstäter an der schönen Zukunft, dass Fahrräder irgendwann zum Mittelpunkt der Mobilität werden.

Beide leben die Überzeugung, dass man Empathie und kulturelles Verständnis durch internationales Reisen, Entdeckungslust und das Erzählen der erlebten Geschichten fördern muss. Idealerweise mit dem Fahrrad.

📷 / follow @bradylawrencephoto, @click.inspired

Riding is the answer!

Ich könnte es jetzt ignorieren, allein aus dem Grund weil es Marketing ist (es ist nicht mal der beste Film von Rapha) aber es ist „die richtige Antwort“!

rapha.cc/stories/riding-is-the-answer

Anti Anti Atlas

Episode 2 einer kleinen Reihe von Erinnerungen an eine Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges.

.02 Change of plans

 

„Das ist das schlechteste Wetter seit 25 Jahren! Der Pass ist zugeschneit, da kommt ihr nicht drüber!“ Völlig durchnässt kommen wir in Tafraoute nach über drei Stunden in strömendem Schneeregen bei fünf Grad an. Eine laut den Einheimischen historisch niedrige Kältefront hat uns bei dem Anstieg auf den ersten Höhenmetern des Anti Atlas Rückens eiskalt erwischt und für 50km begleitet. Das schmerzhafte Herunterzählen jedes einzelnen Kilometers, gepaart mit den immer lauter werdenden Stimmen im Kopf beginnt. … READ MORE »

Anti Anti Atlas

Wir freuen uns nachfolgende Episode, als Auftakt einer kleinen Reihe von Erinnerungen einer Reise durch die Steinwüste von Marokko und über den Rücken des Atlasgebirges auf Radpropaganda zu präsentieren.

.01 Hassan – the host with the most

Auf einmal saßen wir bei Hassan im Laden. Auf viel zu kleinen Hockern um einen länglichen Tisch herum. In der Ecke des ziemlich kleinen Ladens steht eine blaue Gasflasche und darauf die typische Teekanne in ihrer mittlerweile altbekannten arabischen Form. Mit dem Dampf steigt der Duft von marokkanischem Minztee auf. Gastfreundschaft liegt in der Luft. Gepaart mit der Vorahnung, dass diese nicht völlig uneigennützig sein wird.

 

 

Auf der anderen Straßenseite hat er uns (ohne Fahrrad, spazierend) abgefangen mit der Frage, ob wir mit dem Fahrrad reisen würden und dass er einen französischen Freund hätte, der auch mit dem Rad reise. Ob wir nicht kurz mitkommen möchten, er wolle ihn uns vorstellen. Auf unserer Reise haben wir die ganze Bandbreite des Verkaufstalents der Berber kennengelernt. Es hat etwas von Flirten und Vorspiel wie man als Tourist in das Geschäft gelockt wird. Hassan hat mit Subtilität, Ehrlichkeit und Demut gepunktet und schon stand die kleine Schatztruhe auf dem niedrigen Tisch mit uns auf den winzigen Hockern drum herum. Alles sei handgemacht von den Künstlern in der Wüste rund um Zagora, versichert er. Die Zweifel darüber, ob das stimmt, muss man in Marokko schnell beseitige räumen. Man kauft das Erlebnis und die Erinnerung daran mit. Wir interessieren uns für einen Ring und zwei typische Berbertücher. Erst wickelt er Brady das Tuch in echter Berbermanier um den Kopf, dann schreibt Hassan ruhig und etwas theatralisch die Preise für verschiedene Varianten an mehreren Ringen und Tüchern auf und ruft „democratic price!“.  … READ MORE »

Sneak Preview ARTE-Serie: En Selle

 

Wir freuen uns – in Kooperation mit ARTE Creative – unsere 4 Lieblingsfolgen, der am 15. Mai erscheinenden, 10 teiligen Serie „En Selle“ bzw. „Fahr-Radikal!“ als Sneak Preview auf Radpropaganda zeigen zu können.

Fahr-Radikal berichtet in 3-6minütigen Episoden, genreübergreifend über Fahrradkultur und Protagonisten der … READ MORE »

Fixed Days & Fixed42 2018

Dieses Wochenende finden die Fixed Days 2018 in Berlin statt. Auf dem Programm stehen unter anderem Tracklocross, Track Games, das Track Mob Alleycat, Party, Party, Party und als Abschluß am Sonntag die (wohlgemerkt inoffizielle) Fixed Gear Weltmeisterschaft RAD RACE Fixed42. Für rund 700 StarterInnen geht es mit einem Schnitt, deutlich jenseits von 40Kmh, auf 42 KM autofreiem Asphalt durch die Hauptstadt. Klar, der Velothon ist natürlich auch am Sonntag.  … READ MORE »

Thadenstraße – Fahrradstraße!

Der Bezirk Altona plant eine Reihe von Straßenbaumaßnahmen, die das Ziel haben, die Verkehrssituation (insbesondere für den Radverkehr) zu verbessern. Im Rahmen dieses Programms soll auch die Thadenstraße umgebaut werden.
Verkehrszählungen haben ergeben, dass der Anteil der Radfahrerinnen und Radfahrer pro Tag in der Thadenstraße um ein vielfaches höher als der PKW-Anteil ist. Die Straße ist einer der wichtigsten Bereiche im Altonaer Radverkehrsnetz und die Einrichtung einer Fahrradstraße, die an die geplante Fahrradstraße Chemnitzstraße anknüpft, erscheint sinnvoll. In dieser Veranstaltung informiert das Bezirksamt Altona Bürgerinnen und Bürger über die geplanten Umbaumaßnahmen und den voraussichtlichen Zeitplan zu ihrer Umsetzung.
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